Geschäftsbericht 2018

On the
Road

Der Brennstoffzellen-Truck fährt
– und mit MAHLE kommt
er richtig weit

Einige Lösungen liegen schon früh auf der Hand, aber es braucht erst die richtige Zeit und die richtigen Macher, um sie tatsächlich umzusetzen. Trevor Milton, CEO der Nikola Motor Company, hat im Alter von sechs Jahren beschlossen, eines Tages den Brennstoffzellen-Truck zu bauen. Gemeinsam mit MAHLE als System­spezialisten im Ther­momanagementhat Nikola jetzt diese Mission erfolgreich umgesetzt. Ein Gespräch zwischen Trevor Milton und Matthias Fix, Leiter Vertrieb und Anwendungsentwicklung Nutz­fahr­zeuge bei MAHLE – über Vertrauen und ein gemeinsames Ziel.

Nikola Motor Company ist ein amerikanisches Hybrid-Truck-Entwicklungsunternehmen in Phoenix, Arizona. 2012 von Trevor Milton gegründet, gilt das junge Start-up als Pionier auf dem Gebiet der elektrischen Hochleistungsanwendungen im Transportwesen. Für den Brennstoffzellen-Truck „Nikola Two“ und „Nikola Tre“ unterstützt MAHLE die Nikola Motor Company mit seiner Thermomanagement-Systemkompetenz: MAHLE ist Entwicklungspartner und Lieferant für das komplette Kühlungs- und Klimatisierungssystem.

0km

Nikola Two fährt bis zu 1.000 Kilo­meter – mit einer Tankfüllung.

11 Uhr, Phoenix, Hauptsitz Nikola Motor Company. Strahlend blauer Himmel, die Sonne steht hoch und Palmenblätter wehen im Wind. Der Truck verlässt den Werkshof und fädelt sich auf dem fünfspurigen Highway in Richtung Westküste ein.

Phoenix, Arizona. Eine große Halle, die aussieht, als hätte man die typische Garage der Start-up-Kultur einfach in eine viel größere Dimen­sion übertragen. Vereinzelt haben sich Schreib­tischinseln gebildet, an denen Mitarbeiter hinter Rechnern sitzen. Dazwischen stehen Couches, ein Barbecue-Grill, Stellwände mit Stromkreis-Modulen, Werkbänke und Gartenzelte, die als Konferenz­räume umfunktioniert wurden. „Dirty has never been so clean“ ist auf einem Banner zu lesen, das quer über der Halle gespannt ist. Hier werden sich tatsächlich die Hände schmutzig gemacht – für eine ganz saubere Sache. Mittendrin stürmt ein Hund auf zwei Männer zu. Es sind Trevor Milton und Matthias Fix. „He belongs to the family“, weiß Matthias Fix und begrüßt den Hund. Das zeigt, dass auch MAHLE dazugehört. Zu einem besonderen Team, das die letzten Jahre intensiv ein großes Ziel verfolgt hat, den ersten Brennstoffzellen-Truck auf den Markt zu bringen. Während dieser eine Testfahrt nach Los Angeles aufnim­mt, machen Trevor Milton und Matthias Fix gemeinsam eine Bestandsaufnahme, schauen noch einmal zurück und dann ganz weit nach vorne.

50km

Nikola Two beschleunigt 2 Mal so schnell wie ein Diesel-Truck.

11:25 Uhr. Links auf der Überholspur. Der Highway ist auf allen Spuren dicht befahren. Die Trucks brettern Stoßstange an Stoßstange über die Straße.

Der Brennstoffzellen-Truck ist bereits im Einsatz. Dies ist ein deutliches Bekenntnis zur Brennstoffzelle im Fernverkehr. Warum ist diese Antriebsart der Batterie überlegen?

»Wenn man Inno­vation mit Perfektion verbindet, kann Unglaubliches entstehen. Und genau das haben wir erreicht.«

TREVOR MILTON, CEO Nikola Motor Company

Trevor Milton: Zunächst muss man sich bewusst sein, dass jede Technologie ihre Vorteile hat. Die Brennstoffzelle ist kein Allheilmittel, genauso wenig wie die Batterie. In unserer Industrie haben beide Technologien ihren Platz.

Matthias Fix: Bevor wir von Überlegenheit sprechen, müssen wir uns mit den verschiedenen Anwendungen befassen. Beim Nutzfahrzeug sind diese ­Anwendungen der Stadt-, Regional- und Fernverkehr. Je weiter das Ziel, desto größer muss die Batterie sein.

Trevor: Dies hat einen bedeutenden Nachteil. Bei einer großen Batterie bleibt nicht mehr genug Platz für die Fracht. Und genau hier kommt die Brennstoffzelle ins Spiel.

Matthias: Nutzfahrzeuge müssen möglichst viele Waren transportieren, eine hohe Nutzlast aufnehmen und unter verschiedensten klimatischen Bedingungen fahren können. Batterien sind da problematisch,

weil sie recht schwer sind, viel Platz brauchen und nur in einem bestimmten Temperaturbereich ordnungs­gemäß funktionieren. Deshalb ist die Batterie für den Fernverkehr weniger gut geeignet.

Trevor: Unser Truck braucht zwar noch immer eine Batterie, aber die Brennstoffzelle als Hauptenergiequelle macht den Unterschied. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Matthias: In unserem Fall ist eine wesentlich kleinere Batterie ausreichend, und das bedeutet weniger Gewicht und mehr Platz für die Ladung.

Trevor: Diese Argumente sprechen für die Brennstoffzelle als richtungsweisende Technologie auf dem Weg zu einer besseren Mobilität. Sie ist effizient, emissionsfrei, überzeugt durch große Reichweiten, niedrige Betriebskosten, ein hohes Drehmoment aus dem Stand und löst gesellschaftliche sowie ökologische Probleme. Es ist die ideale technische Lösung.

Große Reichweiten sind eines der Hauptthemen in der Welt der Elektromobilität. Sie setzen hier neue Maßstäbe und fahren mit der Brennstoffzelle weiter als alle anderen. Wie weit kommt man denn?

Matthias: Es geht nicht nur um die Frage, wie weit das Nfz fährt. Es geht vor allem darum, was wir in Zukunft mit diesem Projekt erreichen wollen. Trevor, für euch ist das ein sehr spezielles Thema, da ihr auch die Infrastruktur für Tankstellen anbietet. Es ­ist ein weiterer wichtiger Ansatz, der für den Erfolg ­dieser Technologie entscheidend sein wird.

Trevor: Absolut. Es ist auch der Grund, warum viele andere noch keine Erfolge vorweisen können. Es ist ein typisches Henne-Ei-Problem.

Matthias: Es braucht beides, damit das Konzept aufgeht.

Trevor: Wir sehen es so, dass wir nicht nur ein ­Nfz bauen müssen. In Märkten, wo unsere Trucks verkauft werden, müssen wir auch strategisch verteilte Wasserstofftankstellen errichten. Daran arbeiten wir gerade. Wir produzieren unseren Wasserstoff selbst. Die Kraftstoffkosten sind im Kaufpreis unserer Trucks inbegriffen.

Damit ersparen wir unseren Kunden die Unsicherheit von schwankenden Kraftstoffpreisen und einer mangelhaften Versorgung. Wir lösen das ganze Problem auf einen Schlag.

Matthias: Für MAHLE ist das ein wichtiger strategischer Punkt, denn auch wir wollen emissionsfreie Technologien vorantreiben. Mit diesem Projekt wird das Well-to-Wheel-Konzept Realität. Ihr kümmert euch sowohl um die Tankstellen als auch um die Energieversorgung. Und zwar mit erneuerbarer Energie! Somit wird der Betrieb des Trucks in der Tat komplett emissionsfrei.

Trevor: Bei uns sieht man entlang der Straßen diese riesigen Windparks. Jeden Tag kommt es zu Spitzen, die dazu führen, dass mehr Energie ins Netz eingespeist wird, als verbraucht werden kann. Und genau hier setzen wir an: Wir speichern diese Energie und erzeugen daraus Wasserstoff für unsere Trucks.

»Wie weit können wir mit dem Brennstoffzellen-Projekt gehen? Genau das verbindet uns mit Nikola – ein Blick für das Gesamtbild.«

MATTHIAS FIX, Leiter Vertrieb und Anwendungs­entwicklung Nutzfahrzeuge bei MAHLE

Mit der Brennstoffzelle ist Nikola seiner Zeit in jeder Hinsicht voraus. Wann entstand eigentlich die Idee, einen Brennstoffzellen-Truck zu bauen?

163km

Nikola Two ist 10 Tonnen leichter als ein vergleichbarer Diesel.

13:35 Uhr. Kakteen und weites Land. Die ­Blumen am Straßenrand haben das gleiche Gelb wie die Fahrbahnmarkierungen. Die nächste Ausfahrt trägt den Namen „Centennial“. Für Nikola Two geht es weiter geradeaus.

Trevor: Das geht auf meinen Vater zurück, der als Betriebsleiter bei der Eisenbahn arbeitete. Als kleiner Junge saß ich im Zug neben dem Lokführer. Er sah sich um und bemerkte die Lastwagen, die auf dem Highway neben den Schienen dahinrollten, und meinte: „Eines Tages wird ein kluger Kopf einen Sattelschlepper erfinden, der wie eine Lokomotive funktioniert.“ Das war der Anfang – damals war ich sechs Jahre alt. Heute sehen die Straßen nicht anders aus, mit dem großen Unterschied, dass unser Truck darauf unterwegs ist. Schon bald können wir mit weiteren Innovationen rechnen.

Matthias: Es geht tatsächlich sehr schnell voran und das passt auch bestens zu MAHLE. Wir wollen den Weg zur Mobilität der Zukunft ebnen. Das möchten wir mit diesem wichtigen Projekt demonstrieren und gleichzeitig unser Know-how unter Beweis stellen. Wie lange arbeiten wir eigentlich schon zusammen? Zwei Jahre, oder?

Trevor: Ja, es sind bereits zwei Jahre.

Matthias: Mir kommt es so vor, als würden wir schon viel länger kooperieren. Trevor, du hast dir ein sehr ehrgeiziges Ziel gesetzt und wir verfügen über eine der Kernkompetenzen, um dieses Ziel zu erreichen: Thermomanagement. Zusammen bewegen wir was!

Trevor: Diese Partnerschaft ist für beide Seiten sehr vorteilhaft. Nikola hat ein Nutzfahrzeug konzipiert, das es noch nie zuvor gab. Dabei haben wir das gesamte Thermomanagement-System mehrmals verfeinert. MAHLE hat uns hier kompetent begleitet. Ihr seid die Experten. Wir sind diejenigen, die vieles ausprobieren und keine Angst vor Rückschlägen haben. So entsteht ein konstruktiver Dialog.

Matthias: Ja, genau das können wir bieten: knapp hundert Jahre Erfahrung und das nötige Know-how, um Nikola bei Innovationen zu unterstützen und diese Großserie auf die Beine zu stellen. Das macht unsere Zusammenarbeit aus. Trevor, mir hat deine Wortwahl von vorhin gut gefallen: Das Zusammenspiel zwischen deutscher Ingenieurskunst …

Trevor: … und der Innovationsstärke amerikanischer Unternehmen.

Matthias: Damit wird der Truck ein Erfolg.

Trevor: Darauf kommt es an. Wir müssen auf unsere Stärken setzen. Und wir wissen genau, was MAHLE gut kann. Ihr steht einfach für perfekte Lösungen und eine Nullfehlerquote.

451km

Mit 1.000 PS zieht der Nikola Two über die Straßen.

16 Uhr. Weiter auf der Interstate 10. Grenz­überfahrt Kalifornien. Die Windräder auf den Feldern drehen sich stark im Wind.

Wenn wir schon über das Zusammenspiel zweier Welten sprechen: Das Modell Nikola Two ist für den amerikanischen Markt konzipiert, Nikola Tre für Europa. Die Fahrzeuge sind unterschiedlich ausgelegt. Gibt es weitere Unterschiede?

Trevor: Im Vergleich zu amerikanischen Trucks müssen europäische Lastwagen nur die halbe Reichweite bewältigen. Keine 1.000 Kilometer pro Tag, 500 oder weniger sind völlig ausreichend. Die Unterschiede sind eher ästhetisch. Letztlich basieren beide Fahrzeuge auf derselben Technologie.

Matthias: Mit diesem Truck verfolgen wir überall das gleiche Ziel: die Reduzierung von CO2-Emissionen.

Trevor: Rund 30 Prozent der globalen Emissionen stammen aus dem Straßenverkehr. Kraftfahrzeuge machen die größte Emissionsquelle aus. Unser Truck reduziert den weltweiten Schadstoffausstoß mehr als jedes andere Produkt. Deshalb lautet unser Ziel: Wir wollen so viele Trucks wie möglich bauen.

Angesichts des steigenden Bedarfs an Nutzfahrzeugen ist es an der Zeit, dass der Verbrennungsmotor im Fernverkehr durch die Brennstoffzelle ergänzt wird. Wann können wir damit rechnen?

Trevor: Es hat bereits angefangen. Die ersten Test-Trucks sind schon auf der Straße unterwegs. Die Serien­produktion wird 2022 anlaufen. In Europa wird es voraussichtlich 2023 so weit sein. Dasselbe gilt für die Tankstellen. In den nächsten zehn Jahren werden wir in Amerika über 700 Wasserstoffstationen errichten. Auch in Europa haben wir das vor. Es wird das weltweit größte Netz von Wasserstofftankstellen sein.

Matthias: Wie gesagt: Es gibt nicht nur eine Lösung. Wir sind davon überzeugt, die Zukunft liegt im Antriebsmix. In Städten werden vermutlich mehr Batteriefahrzeuge unterwegs sein. Für die Langstrecke wird mehr Energie benötigt, was eher für die Brennstoffzelle spricht. Und auch der Dieselmotor wird in absehbarer Zeit nicht einfach vom Markt verschwinden. Letztlich ist meiner Ansicht nach kaum vorhersehbar, ob und wann sich die Brennstoffzelle im Fernverkehr durchsetzen wird. Aber jede Veränderung ist auch eine Chance. Der Brennstoff­zellen-Truck hat enorm viel Potenzial. Wir sind vorbereitet und dieses Projekt ist ein guter Anfang.

Trevor: Ganz richtig. Zurzeit konzentrieren wir uns einfach darauf, das Projekt abzuschließen und unsere beiden Trucks weltweit auf die Straße zu bringen. Wenn uns das gelingt, können wir unserer Fantasie freien Lauf lassen. Die Brennstoffzelle bietet unendliche Möglichkeiten. Wir können uns mit anderen Transportarten beschäftigen und vielleicht sogar in die Luftfahrt einsteigen.

Matthias: MAHLE und Nikola – alles, was denkbar ist, ist auch machbar.

Trevor: So ist es. Let’s do it!

»Wir ­verbinden ­deutsche Ingenieurs­­kunst und amerikanische Innovationsstärke.«

TREVOR MILTON, CEO Nikola Motor Company
646km

In nur 20 Minuten ist der Nikola Two vollgetankt.

18 Uhr. Ankunft in L.A. am Santa Monica Pier. Am Strand spielt ein Mann Gitarre und singt „Breathe this air“. Die Sonne scheint. Anruf bei Nikola in Phoenix. „Wie sieht es mit dem Tank aus?“, will Trevor Milton wissen. Die Antwort: „Immer noch halb voll.“

»Mit diesem Truck haben wir ein Ziel vor Augen: null CO2-Emissionen.«

MATTHIAS FIX, Leiter Vertrieb und Anwendungs­entwicklung Nutzfahrzeuge bei MAHLE

Und dann wäre da noch ...

... eine Vielzahl an Produktlösungen, Projekten und Initiativen, die wir 2018 geliefert, initiiert und vorangetrieben haben. Eine kleine Auswahl.

Cng-/LNG-Antriebe für Nutzfahrzeuge

Erdgas-Antriebe für Nutzfahrzeuge bieten sowohl in der CNG- (compressed natural gas) als auch als LNG (liquified natural gas)-Ausführung ein großes CO2-insparpotenzial. Allein durch den Ersatz fossilen Dieselkraftstoffs durch fossiles Erdgas liegt die Rechnung bei 15 Prozent weniger CO2-Emissionen. Wird synthetisches Methan aus regenerativem Strom verwendet, ist der Motorbetrieb sogar CO2-neutral. Der Wechsel auf den gasförmigen Kraftstoff stellt uns aber vor neue Herausforderungen. Bei dem Antrieb mit Gas sind es die erhöhten Abgas­temperaturen. MAHLE liefert hier entscheidende Technologien, um eine gekühlte Abgasrückführung zu ermöglichen. Das reduziert die Verbrennungs­temperaturen, schützt die Motorbauteile vor thermischer Beschädigung und verhindert gleichzeitig vorzeitige Zündungen im Zylinder, auch bekannt als das sogenannte Klopfen.

Hybrid- und E-Antrieb

Der hybridelektrische oder vollelektrische Antrieb beginnt mit der Batterie. Sie wird zur wichtigsten Komponente im elektrischen Fahrzeug, auf die viele Komponenten einzahlen müssen. MAHLE hat das umfassende Produktportfolio mit Lösungen für die bedarfsgerechte Konditionierung von tempe­ratur­­empfindlichen Traktions-Batterien ergänzt. Sie ermöglichen es, die Kühl- / Heizarchitektur so einfach wie möglich zu halten, und sorgen für eine schnelle und effiziente Temperaturregelung.

Weitere Stories

MAHLE ist Wegbereiter für die Mobilität von morgen. Auf diesem Weg zählt jede Idee, jedes Projekt und jeder Mitarbeiter. Unsere weiteren Erfolgsgeschichten: