Geschäftsbericht 2018

Vom
Post-it zum
Proto­typen

MAHLE Corporate Start-up-Teams
bringen erste Innovationen auf
die Straße

Lösungen, an die man schlichtweg glaubt. Das ist der erste Schritt, um eine Idee voranzutreiben. Noch weiter geht es, wenn man dies gemeinsam macht. Im vergangenen Jahr startete MAHLE das Innovationsprogramm „Incubator“ und forderte alle Mitarbeiter deutschlandweit dazu auf, ihre Ideen einzureichen. Ideen, die ihnen beim Gespräch in der Kantine kamen, nach Feierabend unterwegs im Auto oder direkt an der Produktionslinie. Ideen, die eines gemeinsam haben: den Wunsch, etwas besser zu machen. Zwei Teams konnten sowohl die interne Jury als auch erste Kunden für ihre Lösungen begeistern. Ihre Lösungen beweisen, dass Innovationen von MAHLE nicht nur bei unseren Kunden greifen, sondern alle Menschen erreichen.

Von einem Perspektivwechsel ...

Stuttgart, Bad Cannstatt. Mittendrin am Hauptsitz von MAHLE. „Wir machen keine andere Arbeit mehr, wir sind nur noch chargeBIG“, beginnt Dr. Walter ­Krepulat das Gespräch auf Nachfrage, ob sie gerade von der eigentlichen Arbeit kommen oder von ihrem Incubator-Projekt. Vollzeit für chargeBIG. Das beschreibt sehr gut die Dimension ihrer Idee. Aber noch einmal von vorne.

»Alle wollen immer höher, schneller, weiter. Und wir kommen jetzt und sagen, das brauchst du gar nicht.«

SEBASTIAN EWERT, Team chargeBIG

Frei übersetzt bedeutet chargeBIG „Laden im großen Stil“. Damit geht es um einen der wichtigsten Aspekte der Elektromobilität. Obwohl immer mehr batteriebetriebene Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind, bleibt eine Frage offen: Wie werden wir all diese Elektrofahrzeuge laden? Vom einzelnen Ladepunkt bis zur flächendeckenden Netzinfrastruktur gibt chargeBIG nun die Antwort. Ein intelligentes Ladesystem, das nutzerfreundlich und flächen­deckend umsetzbar ist. Sebastian Ewert stellt dafür eine entscheidende Rechnung auf. „Im Durchschnitt fährt ein Auto pro Tag nur 40 Kilometer. Das heißt, rund 23 Stunden bewegt es sich nicht. Zum Laden habe ich also alle Zeit der Welt!“ Mit diesem genialen Per­spektivwechsel ist der Weg frei für das intelligente Laden. „Es muss nicht mehr so schnell wie möglich, sondern nur so schnell wie nötig geladen werden.“ Als dieser Satz fällt, tritt Ruhe im Raum ein. Das Team lächelt. In diesen wenigen Worten steckt das, was chargeBIG einmalig macht: die einfache und kostengünstige Anbindung an das bereits existierende Stromnetz.

... zum Wegbereiter der E-Mobilität

Draußen auf dem Parkplatz von MAHLE. Die Idee hat längst die vielen Post-its verlassen. „Das ist der ­Ladeschrank“, erklärt Nicole Heinrich und deutet auf den Schaltschrank neben ihr. „Verteiler, Sicherungen, Relais, Elektroniksteuerung, Kommunikation und ­Sicherheit verbergen sich allesamt hinter einer großen Tür.“ – „Genau so, wie es die Elektriker gewohnt sind. Unser Ladeschrank ist damit einfach anzuschließen und genauso einfach zu warten“, fügt Sebastian Ewert hinzu. Ein Ladeschrank und sehr, sehr viele Parkplätze mit Ladestecker. Jeden Parkplatz in Zukunft mit einem Stecker auszustatten, das ist die Vision von chargeBIG. Der Weg dahin führt über eine intelligente Software, die dem Team einiges an Schweiß abverlangt hat. Sie erinnern sich mit viel Humor, denn „Jetzt funktioniert es!“ Wie genau, das verrät das Team nicht. Immer im Blickfeld: Kabel und Stecker, die außen an den Ladesäulen befestigt werden. „Damit muss der Fahrer das Kabel nicht mehr mitführen.“ Sebastian Ewert weiß genau, wovon er spricht. Als Fahrer eines Elektroautos hat ­er selbst manch umständliches Kabelaufrollen und Verstauen im Kofferraum hinter sich.

Für den Prototyp wirkten bis heute 60 bis 70 Kol­legen mit. „Ja klar!“, „Gerne!“, „Kein Problem!“, hieß es aus den verschiedensten Abteilungen auf die Frage, ob sie das Team unterstützen können. Oder auch: „Darf ich euch helfen?“ Das ist gelebte Team-­Arbeit. Auch von Max Gerstadt, der jüngst dazugestoßen ist und eine wichtige Komponente für charge­BIG entwickelt hat – als Teil seiner Bachelorarbeit.

»Wir geben viel und bekommen viel zurück. Das ist eine der besten Erfahrungen.«

NICOLE HEINRICH, Team chargeBIG
CHARGEBIG TEAMSebastian Ewert, Max Gerstadt, Nicole Heinrich und Dr. Walter Krepulat (von links nach rechts)
COM4KIDS TEAMYvonne Maier, Matthias Ganz, Seyit Suemengen, Franziska Erhardt, Dr. Mario Wallisch (von links nach rechts), Michael Conze (nicht im Bild)

»Womöglich gab es noch nie die Konstellation, dass ein Hersteller für Kindersitze mit einem Hersteller für Klimageräte zusammenarbeitet.«

MATTHIAS GANZ, Team Com4Kids (zweiter von links)

chargeBIG STRUKTUR

LADEN FÜR ALLE!

chargeBIG ist eine Ladeinfrastruktur, die auf die bestehende Netzanbindung baut und sie maximal ausnutzt. Ein System, bestehend aus einem Ladeschrank, versorgt dabei bis zu 36 Ladepunkte, an die entsprechend viele Elektro­autos angeschlossen werden können. Das intelligente System steuert das Laden optimal und verhindert eine Überlastung des bestehenden Netzes, indem der zur Verfügung stehende Strom ideal verteilt wird.

»Laden so schnell wie nötig ist besser als laden so schnell wie möglich.«

DR. WALTER KREPULAT, Team chargeBIG

»Bei unserem Team merkt man: Die wollen echt was schaffen. Das hat mich sofort mitgerissen.«

MAX GERSTADT, Team chargeBIG

Mit einem mobilen chargeBIG-Prototyp-Ladeschrank können 18 Elektrofahrzeuge geladen werden. Das hat die ersten Kunden sofort überzeugt. Das nächste Ziel sind 100 Fahrzeuge. „Wir arbeiten hier eng mit unseren Kunden zusammen, um ihr Feedback direkt miteinfließen zu lassen.“ Und das Feed­back von MAHLE? Schmunzeln im Team. Die Entscheidungsgeber waren sich auch intern einig. Bei dem letzten Gespräch hieß es nur: „Was braucht ihr an Ressourcen, um noch weiter zu kommen?“

Übrigens: Das Team von chargeBIG freut sich über seinen ersten Kundenauftrag. Für den Flughafen Stuttgart realisiert das MAHLE Corporate Start-up ein Projekt mit bis zu 110 Ladepunkten auf den Park­flächen für Flotten- und Mitarbeiterfahrzeuge.

Von der Expertise im Großen ...

Stuttgart, Feuerbach, Co-Working-Space von MAHLE, nur wenige Kilometer vom Hauptsitz entfernt. Auf dem Tisch steht ein Kindersitz. Erst einmal nicht ungewöhnlich. Um den Sitz herum haben sich Dr. Mario Wallisch, Franziska Erhardt, Matthias Ganz, Michael Conze, Seyit Suemengen und Yvonne Maier von MAHLE versammelt. Ein Kindersitz und MAHLE. Hier passiert etwas Neues.

Damit bringt Dr. Mario Wallisch die Idee auf den Punkt. Ein klimatisierter Kindersitz, der die Kinder intelligent wärmt oder das Schwitzen verhindert. Franziska Erhardt schickt diese völlig neue Idee noch einmal dorthin zurück, wo sie herkam: „Eigentlich sagt Mario immer, dass seine Kinder auf dem Weg in den Urlaub nach Frankreich im Sitz schwitzen, was sehr unangenehm für sie und damit auch unangenehm für alle Reisenden ist.“ Matthias Ganz fügt hinzu, dass sich schon viele Eltern mit dem Problem befasst haben: „Es gibt Konzepte, bei denen man Kühlakkus in den Sitz legt und dann das Kind draufsetzt.“ Schmunzeln in der Runde. „Das ist schon allein sicherheitstechnisch schlecht, weil man dadurch den Sitz verändert.“ Das Team hat sich in den vergangenen Monaten intensiv mit der Welt der Kindersitze auseinandergesetzt. Sie kennen jedes Problem. Und jeden Lösungsansatz.

INNOVATION AUS ERFAHRUNGNeues entsteht, wenn Bestehendes neu kombiniert wird. Das Team Com4Kids mit ihrem innovativen Ergebnis: Ein Kindersitz vereint mit der geballten MAHLE Thermomanagement-Expertise.

»Unser Produkt bringt den Komfort von der Erwachsenenwelt in die Welt der Kinder.«

DR. MARIO WALLISCH, Team Com4Kids

Der MAHLE Incubator

1.

Ideen­-
ein­reichung

Deutschlandweit werden MAHLE Mitarbeiter aufgerufen, ihre Ideen einzureichen.

2.

Auswahl der besten Ideen

Die besten Ideen werden von den Ideengebern auf einem internen Marktplatz vorgestellt.

3.

Vorauswahl ­
der Teams

Nach einer Vorauswahl nehmen die Teams am „Concept Day“ teil, um die Ideen weiter­zuent­wickeln.

4.

Qualifikation
der Teams

Die besten Teams pitchen ihre Ideen vor einer MAHLE Jury, um sich für das Bootcamp zu qualifizieren. Nach dem Bootcamp werden die Sieger-Teams gekürt.

5.

Sieger-
Teams

Ausgestattet mit einem eigenen Budget und größtenteils von ihrer eigentlichen Arbeit freigestellt, entwickeln die Teams ihre Lösungen in drei bis sechs Mona­ten bis zur Marktreife.

6.

Neue
Lösungen

Vorstellung der Prototypen bei Kunden.

Den Sicherheitsaspekt erhöht das Team mit der Heizfunktion des Sitzes gleich mit. Bei einem herkömmlichen Sitz werden die Kinder oftmals in dicken Winterjacken angeschnallt – dadurch funktioniert der Gurt nicht so gut, wie er müsste. Ist der Sitz vorgewärmt, kann auf die Jacke verzichtet werden und der Gurtmechanismus wieder richtig greifen.

Stellt sich also die Frage, weshalb es so ein Produkt noch nicht zu kaufen gibt. „Es gibt Versuche am Markt, irgendwie zu klimatisieren“, weiß Yvonne Maier. Der Heimvorteil von MAHLE: nicht „irgendwie“ machen, sondern richtig. „Mit unserem Thermomanagement sind wir die Spezialisten für Fahrzeug-­Klimaanlagen und jetzt nutzen wir diese Kompetenz für den Kindersitz.“

... zur komfortablen Mobilität für die Kleinen

Klimakomfort für Kids – vom Einsteigen bis zum Aussteigen. Dieses Feature packt das Com4Kids-Team in ein kompaktes Modul, das mit dem Kindersitz verbunden ist. Damit wird aus dem starren Kunststoffsitz ein Ort, an dem Luft bewegt wird – und an dem sich die Kinder endlich wohlfühlen. Matthias Ganz hält das Modul in der Hand. Ein kleines Kunststück für den Laien, ganz genau berechnet vom Team für das Kind. „Wir können bei uns auf Kollegen zurückgreifen, die 20 bis 30 Jahre Berufserfahrung haben und für die es ein Leichtes ist, ein neues Produkt zuverlässig und marktfähig zu machen“, unterstreicht Dr. Mario Wallisch den Vorteil, den der Start-up-Spirit mit Corporate-Struk­turen im Hintergrund hat. Und: „Der Name MAHLE hat uns einen großen Vertrauensvorschuss gegeben. Die Kindersitzhersteller wissen, sie sprechen nicht mit Amateuren, die eine verrückte Idee haben.“

Bei der Entwicklung des klimatisierten Kindersitzes tauschen sich die MAHLE Experten intensiv mit den Kunden aus. Es ist diese ungewöhnliche Zusammenarbeit, die vielleicht erklärt, warum es den Sitz noch nicht gab. „Die Hersteller haben ihre Kompetenzen in Design und Ergonomie, aber sobald es um Klimakomfort geht, sind sie raus.“ Und MAHLE ist drin. Mit seiner großen Kompetenz im Thermomanagement und mit vielen Ideen, die die Menschen im Alltag bewegen. Hin zu mehr Komfort. Auch für die Kleinsten.

Und dann wäre da noch ...

... eine Vielzahl an Produktlösungen, Projekten und Initiativen, die wir 2018 geliefert, initiiert und vorangetrieben haben. Eine kleine Auswahl.

Incubator China

Mujib Bazhwal begleitet als Innovationsmanager bei MAHLE das Incubator-Programm seit seinen Anfängen und ist immer noch genauso positiv gestimmt wie vor einem Jahr, als das Programm erfolgreich in Deutschland startete. Nicht nur wegen der erfolgreichen Innovationen, die aus der ersten Runde entstanden sind, sondern weil der Incubator jetzt auch an anderen Standorten begeistert aufgenommen wird. Mujiib Bazhwal hatte die Anfrage an die anderen Länder gerade losgeschickt, als China auch schon zusagte und sofort loslegte. „Wahnsinnig schnell und flexibel“, erinnert sich Mujib. In Zusammenarbeit mit Kun Hu am Standort MAHLE China wurde das Programm an den einzelnen chinesischen Standorten vorgestellt und ist bereits in der Phase nach der ersten Ideenauswahl. Von 120 Ideen sind aktuell zehn im Rennen. „Dazu muss man wissen, dass wir hier in unserer Kultur nicht so sehr an das Denken ‚outside of the box‘ gewöhnt sind“, sagt Kun Hu. „Aber als ich die Ideen sah, wusste ich, dass ich mich geirrt hatte.“ Mujib ist vor allem begeistert von den Themen: Bei vielen Ideen geht es um Digitalisierung. Damit nimmt der Incubator bei MAHLE weltweit seinen Lauf. Weitere Regionen werden folgen. Und auf die Frage, ob sich die einzelnen Teams auch inter­national austauschen können, ist die Antwort länger als ein Ja, aber noch viel eindeutiger: „We are one MAHLE!“

Inspekto

Innovationen prägen die Arbeitswelt von MAHLE. Eine weitere Innovation hebt nun die Qualitätsinspektion auf ein neues Level. Inspekto, eine auf künstlicher Intelligenz basierende Software, unterstützt die MAHLE Mitarbeiter bei der visuellen Qualitätsprüfung, indem sie vollständig automatisiert durchgeführt wird. Entwickelt wurde das Programm von einem deutsch-israelischen Start-up, an dem sich MAHLE beteiligt. Die Software ist hoch flexibel und kann an jeder Produktionslinie ein­gesetzt werden. Inspekto spart Fehler und damit Zeit. Für eine noch höhere Qualitätssicherung.

Weitere Stories

MAHLE ist Wegbereiter für die Mobilität von morgen. Auf diesem Weg zählt jede Idee, jedes Projekt und jeder Mitarbeiter. Unsere weiteren Erfolgsgeschichten: